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Bauen ist ein Kampf mit dem Wasser (Raimund Probst)
Bei der Überprüfung gedämmter Fassaden (aber nicht nur dabei) wird man immer wieder mit einem Vorurteil konfron- tiert: „Wasser kann nur abwärts fließen.“ Trifft das wirklich zu, oder gibt es Ausnahmen? Zunächst scheint es ja logisch, daß Wasser nur der Schwerkraft folgt, also abwärts fließt. So entstehen Bäche, Flüsse, Ströme, so arbeiten Wasserkraftwerke, usw. Aber denken Sie doch mal ans Autofahren. Es regnet, wohin fließen die Regentropfen auf der Windschutzscheibe? Abwärts oder vielleicht doch aufwärts? Es muß also eine Kraft geben, die der Schwerkraft entgegenwirkt und das Wasser nach oben drückt, richtig? Es ist nicht schwer zu erraten, der Luftstrom oder anders ausgedrückt der Winddruck („Fahrtwind“). Und was hat das jetzt mit gedämmten Fassaden zu tun? ALLES! Viele, auch Fachleute, meinen, daß unter der Fensterbank doch kein Wasser hinkomme, deshalb sei die Fensterbank ja da, deshalb brauche dort auf Schlagregendichtigkeit kein Wert gelegt zu werden. Mal abgesehen davon, daß diese Schlagregendichtigkeit in jeder Zulassung eines WDVS zwingend gefordert ist (bei Anschlüssen an andere Bauteile), so muß man nur mal überlegen, was passiert mit Regenwasser, das über die Fensterbank abläuft. Im Normalfall (also bei „normalem“ Regen, ohne große Windstärken) läuft das Wasser nach außen, läuft über die Abkantung und tropft dann vor der Fassade nach unten ab. Deshalb heißt das untere Ende der Abkantung auch Tropf- kante. Das ablaufende Wasser erreicht die Anschlußzone unter der Fensterbank nicht, sie liegt hinter* und über der Tropfkante, Wasser folgt der Schwerkraft. So weit so gut. Nun gibt es aber Ausnahmesituationen. Nämlich, wenn die Windstärken so groß sind, daß das Wasser nicht mehr nach unten abtropft, sondern durch den Luftstrom nach hinten oben, an die Fassade und eben auch den Putzanschluß hochgedrückt wird. Das Wasser läuft aufwärts! Auch für diesen Ausnahmefall (von dem niemand weiß, ob und wie häufig er später auftritt) muß also Vorsorge getrof- fen werden! Die Zulassungen von WDVS sagen dies in einem einzigen lapidaren Satz (siehe oben). Denn WDVS und eindringendes Wasser passen, m.E. leicht nachvollziehbar, nicht zusammen! Wie kaum etwas am Bau. Die geschilderte Situation unter Fensterbänken ist gleichartig bei allen Abdeckblechen (Attiken, Brüstungen, etc.) anzu- treffen. Hier gilt exakt das gleiche. Und man muß die Faustregel bedenken, je höher so ein Bauteilanschluß liegt, desto größer auftretende Windkräfte sind zu erwarten, somit eine höhere Wasserbelastung als im Erdgeschoss. Alle Bauteilbelastungen wachsen sowieso mit der Höhenlage an (Wind, Sonneneinstrahlung / insbes. UV, Regen, Eis, Schnee, Hagel, Graupel, …). Nun wird aber gerade diesen Anschlüssen sehr oft sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Niederhalter werden sehr häufig bei der Montage von Fensterbänken eingesetzt: Der bewegliche Teil des Niederhalters (Pfeil) ragt dann naturgemäß aus der Dämmung heraus. Und genau dort beginnt das Problem: Zwischen Fensterbank und Niederhalter sind dann, je nach Einbausituation, mehr oder weniger große Abstände vor- handen. Diese Abstände werden nicht abgedichtet. Kompribänder werden unter den Niederhaltern durchgezogen und nun ergeben sich 2 Probleme: - Fehlende Abdichtung Fensterbank/Niederhalter - Kompribänder schmiegen sich nicht in die 90°-Ecken beidseits der Niederhalter ein Ergebnis: An jedem Niederhalter ist das WDVS nicht schlagregendicht angeschlossen! Siehe dieses typische Bild aus der Praxis (wobei der Abstand hier noch minimal ist (Pfeil), er ist meist deutlich größer): Würde nun das WDVS wie beschrieben angeschlossen (Kompriband wie immer bündig mit Dämmplatte; rote Linie), dann ergäbe sich beidseits jeden Niederhalters grundsätzlich ein Einfließweg (Pfeil) für hochgedrücktes Wasser (nur nebenbei: die Putzschale ist vom Bauteil mit Kellenschnitt zu trennen, hierzu in einem späteren Beitrag mal mehr) und ist somit auch keine dauerhafte Absicherung. Damit man nicht meint, dies sei alles sehr theoretisch, ein realer Schadensablauf: An einem Reihenhaus Neubau (mit WDVS) klagte der Käufer über mehrfache Wassereinbrüche in seinem Wohnzimmer im EG. Das Wasser laufe aus dem Rolladenkasten über dem Fenster direkt auf den frischen Eichenholzparkettboden. Glaubhafte Fotos hiervon und ein Video zeigte er vor. Die Schadensbilder am Parkett unterstützten dies. Was war passiert? Nach längerer Untersuchung, wo denn Wasser überall eindringen könnte, blieb als letzte Möglich- keit nur noch der Anschluß des WDVS unterhalb der Brüstungsabdeckbleche auf den Terrassen im DG (= zwei Ge- schosse über dem EG). Äußerlich, auch unterhalb des Blechs, war nichts zu erkennen, keine offenen, hinterfließbaren Anschlüsse. Nichts rings um die Fenster, an den Bordprofilen, unter der Fensterbank, etc. Stutzig machte mich eine Bemerkung des Eigentümers, es „regne“ nur dann in seinem Wohnzimmer, wenn erhebliche Unwetter aus der Richtung kommen, in die die WZ-Fenster zeigten (Süd-Südwest). Bei „normalen“ Regenfällen pas- siere nichts. Wir öffneten also die Bleche und siehe da: Unter der Bohle (auf denen die Bleche aufgelegt waren wie üblich) zeigten sich nasse Klebemörtel des WDVS. Äußerlich war aber auch rein gar nichts zu erkennen. So lief der Schaden ab: Vom Starkwind hochgetriebenes Regenwasser drang unter dem hochgedrückten Blech hinter das Kompriband, gelangte hinter die Dämmplatten, lief zwischen Dämmplatte und Mauerwerk abwärts, stieß im EG auf den vorstehen- den Rolladenkasten, drang in diesen ein, und trat letztlich an der Unterseite des Kastens innen aus und von dort aufs Parkett. Die Dämmplatten wurden oben nachverwahrt, Bohle und Bleche wieder angebracht. Seither hörte ich nichts mehr. Es ist also nicht abwegig zu sagen, Wasser kann sehr wohl auch aufwärts fließen, wenn ein entsprechender Antrieb vorliegt, am Bau ist dies ausnahmslos Starkwind. Wie kommt man nun dem Problem bei? Eigentlich sehr einfach und sehr kostengünstig mit einem Zusatznutzen. Aber sehen Sie mir bitte nach, wenn ich nicht alles preisgebe. Ein wenig muß ich auch an meine Einkünfte denken… * „hinter“ bedeutet bei WDVS mittlerweile (seit der geänderten Norm DIN 55699, 08-2017), daß Tropfkanten einen Mindestabstand von 4 cm über der fertigen Putzoberfläche einhalten müssen, je nach Höhenlage auch mehr… (zurück)

Wasser fließt nur abwärts?

(12.03.20)