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Bauen ist ein Kampf mit dem Wasser (Raimund Probst)
Bei den allermeisten gängigen Wärmedämm-Systemen werden Dämmplatten geklebt (je nachdem dann auch noch gedübelt). Die aktuellen AbZ (Allgemeine bauaufsichtlichen Zulassungen) dieser Systeme schreiben eine Mindestklebefläche vor. Sie gilt für jede einzelne Dämmplatte und sie gilt für die Klebefläche am Untergrund, aber auch an der Dämmplatte, gleichzeitig. Die Mindestklebeflächen schwanken, je nach System, die verbindliche Vorgabe ergibt sich aus der AbZ. Unterste Grenze ist jedoch immer 40 %, dies ist auch die häufigst anzutreffende. Dämmplatten dürfen natürlich immer auch vollflächig verklebt werden. Dies gilt jedoch nur unter bestimmten Untergrundvoraussetzungen, die ebenfalls in den AbZ beschrieben sind. In der Regel wird jedoch nicht vollflächig verklebt. Gleichzeitig zur Klebefläche muß nach den AbZ auch eine bestimmte Kleberverteilung an den Dämmplatten eingehalten werden. Beispiel: Der Kleber würde an einer Dämmplatte (50 x 100 cm ist ein übliches Maß) nur auf einer Fläche von 40 x 50 cm, dabei alles auf nur eine Seite aufgetragen: Dann wäre zwar die Mindestklebefläche erreicht (0,2 = 40 % von 0,5), aber der größte Teil der Platte (60 x 50 cm) hätte keinen Kleber abbekommen. Der größte Teil der Dämmplatte hätte keinerlei Kontakt zum Untergrund und würde im Wortsinne „in der Luft hängen“. Das kann m.E. jedermann sofort einsehen, daß dies schnell zu Schäden führte. Deshalb sagen die AbZ, daß das sog. Wulst-Punkt-Verfahren einzuhalten ist: eine randnahe, umlaufende Kleberwulst sowie 2 bis mehrere Kleberpunkte in Plattenmitte. Das sähe dann in etwa so aus (in der Theorie, praktisch so, wie im letzten Bild): Dadurch können die Plattenkanten nicht „aufschüsseln“ und „Pumpbewegungen“ in Plattenmitte werden vermieden. Dies wäre durchaus relevant bei schnellen und großen Luftdruckunterschieden. Durch eine durchgehende, umlaufende Kleberwulst wird ja ein gewisses Luftvolumen hinter der Platte eingeschlossen. Man denke sich die mittige Kleberpunkte weg. Dann kann man sich vorstellen, was passiert, wenn im eingebauten Zustand bei hohen Windgeschwindigkeiten der Luftdruck an der Plattenaußenseite abnimmt, der Luftdruck hinter der Platte aber „normal“ und damit höher ist. Die Platte wird tendenziell nach außen gedrückt, in Plattenmitte am stärksten. Bei orkanartigen Windböen wiederholt sich solches zahlreich. Man kann das auch als Bernoulli-Effekt ansehen, siehe auch hier: https://www.youtube.com/watch?v=K0aPuLn76H0). Außen fließt die Luft schnell an der Oberfläche vorbei, der Luftdruck wird geringer. Innen wird der nominal gleich bleibende Luftdruck relativ zu außen größer, die Platte wird nach außen gedrückt. Ist die Klebekraft zu klein, werden sich Schäden im System einstellen (Bombierungen, Aufschüsselungen, Risse an Plattenfugen, etc.). Wie kann nun festgestellt werden, wie groß die Klebefläche ist? Es geht nicht anders (jedenfalls nicht ausreichend genau), als daß Platten abgenommen werden. Ein Beispiel aus der Praxis: Um seine Dämmarbeiten schon während der Arbeiten extern überprüfen zu lassen, beauftragte ein Handwerker den Sachverständigen. Eine bereits geklebte Dämmplatte (100 x 50 cm) wurde vorsichtig entfernt, das ganze dann fotografiert. Vorsichtig, um den Kleber nicht zu beschädigen und das Prüfergebnis nicht zu verfälschen, in dem Fall zu Ungunsten des Handwerkers. Mit einer Spezialsoftware wurden die Kleberumrisse rot markiert (natürlich an einem großen Monitor). Die Software rechnete dann die Klebeflächenanteile aus, hier waren es 40,31 %, also zulassungsgemäß (gefordert waren „mind. 40%“). Wichtig: der Kleber muß ausreichend trocken sein, wenigstens etwa eine Woche. Beim Fotografieren sollte man möglichst senkrecht „draufhalten“ (allerdings ist ein Abweichen davon nicht negativ. Denn die Flächenanteile sind immer dieselben, auch unter anderem Winkel als 90°). Bei einer solchen Öffnung können dann auch noch weitere Ausführungsdetails überprüft werden, z.B. auf umlaufende Kleberwulst, auf ausreichende Klebepunkte mittig, ob Kleber in Plattenfugen eingedrungen ist (was er nicht darf, wg. „Wärme-ausleitbrücken“) und insbesondere auf tatsächliche Klebekraft: lassen sich trockene Kleber bereits mit der Hand abziehen oder fallen sie gar schon von alleine runter, wenn man die Platte abnimmt, sollte man tunlichst an eine unzureichende Klebung denken und dies an weiteren Stellen überprüfen. Auch der Klebeuntergrund kann dabei dann näher untersucht werden, z.B. auf Sinterschichten, Betonschlempe, Verunreinigungen, lose Stäube, etc. Und als Faustregel für die Menge des Kleberauftrags sollte man sich merken: Werden mind. 40 % gefordert, sollte die Kleberwulst baupraktisch im Mittel 8 cm betragen, wenn gleichzeitig 2 Kleberbatzen mittig mit einem Durchmesser von etwa 10 cm gesetzt werden. Warum 8 und nicht 7 cm, wie in der Skizze? Wenn Sie die Maße nachrechnen, kommen Sie mit 7 cm ziemlich genau auf 0,2 m², also genau die 40 % von 0,5 m² (eine ganze Dämmplatte von 100 x 50 cm). Sehr praxisbezogen wäre es natürlich nicht, wenn man versuchen würde, exakt 7 und 10 cm einzuhalten. Lieber mit ein wenig „Zugabe“, dann kann auch eine ungleich-mäßige Kleberbreite nicht gleich den Durchschnitt unter 40 % bringen. Mindestklebefläche bedeutet nun mal mindestens. (zurück)

Kleben oder nicht kleben

(24.01.20)