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Bauen ist ein Kampf mit dem Wasser (Raimund Probst)
Kürzlich stritten sich ein Auftraggeber und ein Malerbetrieb, ob fertige Wandanstriche „waschbeständig“ sind. Anlaß dazu war, daß Wohnungsnutzer reklamierten, die Wände ließen sich nicht säubern. Man habe doch einen waschbeständigen Anstrich bestellt. Also müsse man die Wände doch „waschen“, sprich reinigen können. Was war vereinbart? Im Leis- tungsverzeichnis steht: „Wandanstrich mit Dispersionsfarbe für innen, waschbeständig Dies wurde auftraggeberseitig nun so verstanden, daß der fertige Anstrich waschbeständig sein müsse. Der Maler sagt, er habe eine Dispersionsfarbe, waschbeständig, für die Wandanstriche verwendet, mehr sei nicht verlangt. Wie ist dies zu beurteilen? Waschbeständig stammt aus einer alten Prüfnorm, der DIN 53778 aus dem Jahre 1983. Sie galt nur für Dispersionsfar- ben für innen und enthielt 2 wesentliche Einteilungen. Als waschbeständig galt demnach eine Dispersionsfarbe, wenn sich nach 28 Tagen aufgetragene definierte Verunreinigungen nach 1000 Scheuerzyklen auf dem genormten Scheuer- prüfgerät mit einer genormten Scheuerbürste entfernen ließen und der Anstrich noch nicht vollständig durchgescheuert war. Anstrichuntergrund war eine „Lenetafolie“ aus Kunststoff. Diese Prüfnorm wurde aber bereits 2001 ersetzt durch die DIN EN 13300. Diese gilt nun für „alle wasserhaltigen Beschichtungsstoffe und -systeme im Innenbereich“, also nicht mehr nur für Dispersionsfarben. Eine Einteilung in „waschbeständig“ gibt es auch nicht mehr. In der neuen Norm steht im Vorwort der Hinweis: Die bisher nach DIN 53778 definierten Prädikate „Waschbeständigkeit“ und „Scheuerbeständigkeit“ wurden durch die Scheuerprüfung mit der Bürste ermittelt. Sie können näherungsweise den Klassen für die Nassabriebbeständigkeit zuge- ordnet werden, auch wenn die Nassabriebbeständigkeit jetzt nach ISO 11998 mit dem Scheuervlies durchzuführen ist. Eine exakte Zuordnung kann wegen des geänderten Prüfverfahrens nicht vorgenommen werden. Wegen der Bedeu- tung des Qualitätskriteriums der Nassabriebbeständigkeit für die gebrauchstauglichen Eigenschaften der resultierenden Beschichtung, die Überstreichbarkeit … muss für die Praxis eine Unterstützung gegeben werden. In dem nun differen- zierteren Klassifizierungssystem ergeben sich somit die Entsprechungen: „scheuerbeständig“ nach DIN 53778 entspricht etwa Klasse 2, „waschbeständig“ nach DIN 53778 entspricht etwa Klasse 3.“ Das erste Ergebnis ist also, daß es waschbeständig nicht mehr gibt (seit 2001). Eine Identität der Nassabriebbeständig- keit Klasse 3 (NAK 3) gibt es ebenso nicht. Wenn man nun in der Norm 13300 diese NAK 3 untersucht, stellt man fest, daß auch hier ein Anstrich gescheuert wird, aber mit einem Vlies anstatt Bürste und es wird nun, anders als in der DIN 53778, eine Schichtdickenabnahme gemes- sen 1 . Die NAK 3 ist erreicht, wenn die Dickenabnahme zwischen 20 µm und 70 µm bei 200 Scheuerzyklen beträgt. (1 µm = 1/1000 mm). Prüfuntergrund für die zu prüfende Anstrichschicht ist aber auch hier eine PVC-Folie. Zur Reinigungsfähigkeit heißt es: Wenn festgestellt wird, dass die aufgebrachte Verunreinigung entfernt worden ist und die Beschichtung nassabriebbe- ständig ist, gilt die Beschichtung als reinigungsfähig für die verwendete Verunreinigung. Und weiter: Die Mittel zum Verunreinigen und die Art ihres Aufbringens sind zwischen den Vertragspartnern zu vereinbaren. In den DIN EN 13300 bzw. DIN EN ISO 1998 sind also keine eindeutigen Festlegungen zu Verunreinigungen enthal- ten. Nun haben wir die wichtigsten Kriterien zur abschließenden Beurteilung der Eingangsfrage zusammen: Alleine schon durch die sprachlich eindeutige Formulierung Wandanstrich mit Dispersionsfarbe für innen, waschbe- ständig ist klar, daß nicht der fertige Anstrich waschbeständig sein muß, sondern daß nur eine waschbeständige Farbe zu verwenden ist (waschbeständig ist als Eigenschaftsbeschreibung sprachlich eindeutig auf den Anstrichstoff bezogen, nicht auf den fertigen Anstrich vor Ort). Davon abgesehen gibt es aber auch „waschbeständige“ Dispersionsfarben schon seit 2001 nicht mehr. Eine automatische Gleichsetzung waschbeständig mit NAK 3 nach der 13300 ist ebenfalls nicht zulässig, da dies nicht definiert ist. Eine Entsprechung „etwa“ ist nicht eindeutig. In der 13300 wird nichts näheres dazu ausgesagt, zudem steht der Hinweis nur im Vorwort. Die Prüfverfahren nach DIN 53778 und DIN EN 13300 sind technisch sehr unterschiedlich (Scheuerbürste / Scheuerv- lies, Scheuerzyklen, optische Beurteilung / Schichtdickenabnahme). Beide Prüfverfahren sind reine Laborprüfungen, die Ergebnisse nicht auf den fertigen Anstrich vor Ort übertragbar. Denn beide Prüfverfahren werden auf Untergründen durchgeführt, die vor Ort nicht vorkommen (Kunststoffolien), mit Prüfgeräten, die vor Ort nicht eingesetzt werden könnten (jedenfalls nicht an Decken und Wänden). Auch das Prüfgerät kann vor Ort nicht eingesetzt werden. Es ist ein definiertes Scheuerprüfgerät zu verwenden. Der Scheuerschwamm (4 g) ist an einer Halterung befestigt (135 g). Beide zusammen üben eine nach unten wirkende Kraft auf die Probenfolie aus. Und last but not least sagt die Prüfnorm selbst, daß Mittel zur Verunreinigung zwischen den Vertragspartnern zu ver- einbaren sind. Liegen solche Vereinbarungen nicht vor, wie hier, kann die Prüfnorm zur Beurteilung auch nicht herangezogen werden. Ich habe zudem noch nie erlebt oder davon gehört, daß solche Vereinbarungen für Anstrich- leistungen jemals vereinbart worden wären. Es ist nicht vereinbart, daß der fertige Wandanstrich „waschbeständig“ oder auch „reinigungsfähig“ oder „zu reinigen“ zu sein habe. Weder durch sprachliche Auslegung, noch durch Heranziehung der einschlägigen Prüfnorm(en). Der Maler hatte „lediglich“ eine Dispersionsfarbe waschbeständig zu verwenden, die man heutzutage bestenfalls als Nassabriebbeständig Klasse 3 nach DIN EN 13300 auslegen kann. Das hat er getan. 1 Ob es technisch überhaupt Sinn macht, eine „Nassabriebbeständigkeit“ so zu bestimmen wie in der Norm (DIN EN ISO 11998:2006, Ziffer 4.1) festgelegt, sei hier nicht näher beleuchtet. Technisch fragwürdig scheint es mir allemal: Die zu prüfende Beschichtung wird … auf eine Probenfolie aufgezogen. Nach Trocknen/Härten und Konditionieren wird die beschichtete Probenfolie gewogen und in einem Scheuerprüfgerät 200 Scheuerzyklen unterworfen. … Die Probenfolie wird dann gewaschen, getrocknet und erneut gewogen. Es wird der Masseverlust bestimmt, aus dem der mittlere Schichtdickenverlust berechnet wird. Warum mißt man den Schichtdickenverlust nicht direkt? Dies sei nur mal so „in den Raum geworfen…“ Eine weitere Merkwürdigkeit ist die in der Prüfnorm 11998 angegebene „Präzision“ (Abschnitt 10) des Verfahrens: Das mittlere Vertrauensintervall für die Wiederholbarkeit wird mit ± 18 %, der Vertrauensbereich für die Vergleichbarkeit mit ± 30 % angegeben, jeweils für einen Vertrauensbereich von 95%. (Wiederholbarkeit: „Unterschied zwischen Ergebnissen von demselben Prüfer, innerhalb kurzer Zeitspanne, demselben Prüfgerät, konstante Bedingungen, demselben Prüfmaterial“ Vergleichbarkeit: „Unterschied zwischen Ergebnissen, von unterschiedlichen Prüfern, in unterschiedlichen Laboratorien, an demselben Prüfmaterial“) Dabei stammen beide Ergebnisse aus einem Ringversuchsprogramm, das 1997 in Japan durchgeführt wurde. Dabei wurden die Prüfungen durchgeführt an einer vernetzenden Dispersionsfarbe bei einer Trockenschichtdicke von etwa 65 µm. Nur ein Anstrichstoff wurde im Ringversuch untersucht. Die DIN EN 13300 gilt aber für alle wasserhaltigen Anstrichstoffe (siehe oben), also auch Dispersions-Silikatfarben, Siliconharzfarben, Leimfarben, … Was man also konkret bekommt, wenn man einen wasserhaltigen Anstrichstoff für innen mit der „Nassabriebklasse 3“ (oder einer anderen) kauft, dürfte einer relativ großen Schwankungsbreite unterliegen, alleine schon von Hersteller zu Hersteller, aber auch von Prüflabor zu Prüflabor. Manche Hersteller prüfen selbst, manche schalten externe Prüflabors ein. Manche machen beides, je nachdem. (zurück)

Anstrich waschbeständig?

(27.02.20)